Namenspatron der FLS

Friedrich List - Namenspatron unserer Schule - ist der bekannteste und volkstümlichste deutsche Wirtschaftswissenschaftler, einer der wenigen, dessen Name in jedem Schulbuch zu finden ist.

Geboren in Reutlingen im Jahr der Französischen Revolution 1789, wurde er meist als "Nationalökonom" oder als "Vorkämpfer der deutschen Einheit" gefeiert. Er selbst betrachtete sich als gescheiterte Existenz, denn nur so ist sein Selbstmord 1846 zu verstehen. Mangelnde Anerkennung und materielle Sorgen waren die Ursachen für den Freitod. Dennoch steht auf seiner Grabplatte in Kufstein "Deutschlands Friedrich List" - aber dieses Deutschland wollte zu seinen Lebzeiten wenig von ihm hören.

Württemberg sperrte ihn ein, der Hohenasperg - die "Warze im Antlitz Württembergs", der "Demokratenbuckel" - wurde auch sein Schicksal: "Wegen Beleidigung der königlichen Regierung" war er vom Juli 1824 bis zum Januar 1825 dort gefangen gesetzt; dann wurde er unter der Bedingung, das Land zu verlassen, begnadigt.

List wanderte mit seiner Familie in das Land der Freiheit aus, in die Vereinigten Staaten. Das Land ist ihn los - und doch heißen quer durch die Bundesrepublik viele Schulen nach ihm, besonders die mit wirtschaftswissenschaftlichem Profil, es gibt kaum eine größere Stadt, die nicht eine Straße, einen Platz oder eine Halle nach ihm benannt hätte, auf Briefmarken wurde seiner gedacht, und bereits 1863, als das List-Monument auf dem Bahnhofsvorplatz in Reutlingen eingeweiht wurde, geriet diese Ehrung beinahe zum Volksfest.

Vielleicht ist der Abschied aus den engen württembergischen Verhältnissen der Schlüssel zum späteren nationalen Ansehen und zur europäischen Geltung. List hätte sich vielleicht in den bescheidenen, soliden, aber doch auch kleinkarierten Zuständen des Landes aufgerieben. Arbeitsfreudig wie er war, hätte er möglicherweise den Tellerrand Württembergs mit dem Horizont der Welt verwechselt und sich an dem nötigen "Aktenschmieren" (F. Freiligrath) abgearbeitet.

So sah er die Welt, sah vor allem den grandiosen Unternehmergeist, der die USA beflügelte, und so lernte er Männer kennen, Persönlichkeiten, neben denen die heimischen Beamtenseelen verblassten und denen sich Friedrich List kongenial verbunden fühlte - Thomas Jefferson, James Madison und James Monroe. Deren politisches Engagement beeindruckte ihn ungemein und überzeugte ihn von der Leistungsfähigkeit des demokratischen Systems.

Amerika war Zeit seines weiteren Lebens das Vorbild schlechthin - seine Liebe gehörte jedoch dem deutschen Vaterland: Zwar wurde er amerikanischer Staatsbürger aber er drängte in die Heimat - als amerikanischer Konsul für Baden kehrte er 1832 zurück; 1834 ernannte ihn Präsident Jackson zum Konsul für die Stadt Leipzig. Für List begann jetzt der eigentliche Lebenskampf. In den Vereinigten Staaten war er als Farmer, Redakteur, Unternehmer, Eisenbahnbauer etc. mehr oder weniger erfolgreich, hier in Deutschland war sein Rat begehrt, denn niemand hat sich in Fragen des Eisenbahnbaus damals besser ausgekannt, aber fest angestellt wurde er nie.

Ohne sein Zutun ist das deutsche Eisenbahnwesen nicht vorstellbar, ganz wichtig dabei ist, dass er stets den ökonomischen Wert sah. In diesem Sinne ist seine Aussage zu verstehen: "Das solideste Werk ist ... nicht das beste, sondern dasjenige, welches sogleich die meisten Prozente bringt." Ihm freilich blieb dieser Erfolg versagt - eine erhoffte Anstellung als Eisenbahndirektor der Eisenbahnlinie Dresden-Leipzig zerschlug sich rasch, obwohl der Bau der Strecke im Wesentlichen seiner Initiative und Arbeitskraft zu verdanken ist.

Friedrich List gilt als einer der geistigen Wegbereiter des Deutschen Zollvereins von 1833/34, einer Zollunion der deutschen Staaten, welche die deutsche Einheit auf wirtschaftlichem Gebiet förderte und welche den Aufschwung der deutschen Industrie beschleunigte. Am Zustandekommen des Zollvereins war List nicht beteiligt, aber bereits seit 1819 hatte er für solch einen Zusammenschluss publizistisch geworben. Sein schriftstellerisches Hauptwerk - "Das nationale System der politischen Ökonomie" (1841) - ist eine wirtschaftswissenschaftliche Schrift, welche die damals gängigen ökonomischen Theorien, insbesondere die Freihandelslehre von Adam Smith, diskutierte und kritisierte. Er sah, dass sich in Deutschland die Industrie erst noch entwickeln musste, bevor sie sich der internationalen Konkurrenz stellen konnte - folglich riet er zu Schutzzöllen.

Heute werden Lists Theorien in zweifacher Hinsicht diskutiert: Einmal werden seine Vorstellungen von der nationalen Einigung Deutschlands auf die Schwierigkeiten der Gegenwart, die europäische Einheit zu schaffen, übertragen. Weiter glaubt man, dass sich etliche der Entwicklungskatastrophen in der "Dritten Welt" hätten vermeiden lassen, wenn man die Erkenntnis Lists beherzigt hätte, dass nämlich nur auf der Grundlage einer gut funktionierenden Landwirtschaft überhaupt Gewerbe und Industrie entwickelt werden können. Der Raum Ulm ist die Landschaft, in der Friedrich List als junger Mann entscheidende Einblicke in die verwaltungstechnischen Abläufe gewinnen sollte, was einerseits seine äußerst ungewöhnliche Karriere vom Verwaltungsbeamten ohne Abitur und ohne ordentliches Studium zum Hochschulprofessor ermöglichte; auf der anderen Seite sind sein jäher Sturz, seine Flucht, seine Haft und sein Exil ohne seine detaillierten Kenntnisse des Verwaltungsaufbaus und die daraus resultierende Kritik kaum zu verstehen. In Blaubeuren hat Friedrich List eine Schreiberlehre begonnen, "Schreiber" ist eine alte württembergische Berufsbezeichnung für den höheren Verwaltungsdienst. Er wurde stets gut beurteilt, und List war auf dem besten Weg, Karriere zu machen.

Von Blaubeuren/Schelklingen wurde er nach Wiblingen versetzt. Der Übergang Ulms aus bayerischem in württembergischen Besitz am 8. November 1810 brachte für List einen neue Bewährungsprobe, denn nun war altes reichsstädtisches Recht, zwischenzeitlich von bayerischen Rechtsgrundsätzen überlagert, dem württembergischen Recht anzugleichen. Dazu brauchte man kundige Verwaltungskräfte. List wehrte sich dagegen, dass das veraltete württembergische System auf die vergleichsweise moderne Ulmer Verwaltungsordnung übertragen werden sollte. Er verfasste eine Schrift, die dem Übel abhelfen sollte, Lists Vorschläge wurden nicht beachtet, er ärgerte sich derart auf seinem Ulmer Arbeitsplatz, dass er ins Altwürttembergische zurückkehrte und Stellen in Tübingen und Sulz annahm. Resigniert hat er freilich nicht, und der Ton seiner Eingaben, Petitionen und Schriften wächst in der Folge von Text zu Text, bis schließlich die Reutlinger Petition vom Januar 1821 ihn wegen Majestätsbeleidigung und Hochverrats auf den Asperg bringt.

Ulm war also eine Art Schlüsselerlebnis. Die alte reichsstädtische Verfassung schleppte zwar viele rückständige, lästige, weil überholte Relikte des Mittelalters mit sich, in einem aber war sie der absolutistischen Herrschaft in Württemberg überlegen: Trotz aller Privilegien der Patrizier ging sie von einer Gemeinschaft aller Bürger aus. Willkürakte, wie sie in Württemberg Tradition hatten, waren in Ulm undenkbar, und so wundert es eigentlich nicht, dass Friedrich List die Ulmer Verwaltungspraxis zu schätzen lernte. 50 Jahre vor Friedrich List wurde ein anderer Schwabe geboren, dessen Lebensschicksal eng mit Ulm verbunden war - Christian Daniel Schubart (1739-1791): Schwabe, Patriot und - wie List - ein Mann freiheitlicher Gesinnung.

Beide sind gescheitert, beide waren auf dem Asperg eingesperrt, beide sind erst nach ihrem Tod gewürdigt und anerkannt worden. Für beide war die Zeit ihrer Ulmer Tätigkeit ein Abschnitt, der zu den eher glücklichen in ihrem Leben gehörte - offenbar behagte beiden Männern das offene bürgerliche und liberale Klima der alten Reichsstadt.
Herbert Hummel